top left image
top right image
bottom left image
bottom right image

Ein bisschen Pop im Gotteslob


Kirchenmusikworkshop über torkelnde Noten und Aufwachhilfen an der Orgel
Rezension im Ehinger Tagblatt vom 14. Juli 2009

Ein exquisites kirchenmusikalisches Angebot machen die
Dekanatskirchenmusiker Volker Linz und Andreas Weil für Sänger,
Scholaleiter und Organisten. Eine theoretische und praktische Station war
in Ehingen.

Vielleicht kommt Ihnen die Situation bekannt vor: Man sitzt im Gottesdienst
in der Kirche, singt die angegebenen Gottesloblieder und denkt sich "Wer
schläft jetzt zuerst ein - die Gemeinde oder der Organist?" Von der Orgel
klingt es wie eingeschlafene Füße und nicht anders brummelt es zurück.

Dem wollen die Dekanatskirchenmusikdirektoren Volker Linz und Andreas Weil
entgegen wirken. Denn "Nicht die Lieder sind lahm, sondern die Organisten
sind gut oder schlecht", ist das Credo des Ulmer Kirchenmusikers Andreas
Weil, der an der Orgel der Liebfrauenkirche vor einer Hand voll
nebenberuflicher Organisten auch gleich den Beweis antrat. "Maria, Mutter
unseres Herrn" lässt sich in der Einschlaf- und in der Aufwachversion
spielen. "Wir haben hier einen Rhythmus und Synkopen", machte der Organist
seinen Zuhörern klar.

Auch in den Übertragungen lateinischer Hymnen gibt es Unterschiede, die
bedacht werden müssen. Den Hymnus "Ave maris stella" (Meerstern, sei
gegrüßet) intonierte er in einer französischen und einer deutscher
Übertragung. "Da ist doch viel mehr Parfüm drin", meinte er zum Franzosen.
Die deutschen Komponisten agierten preußischer. Ein bisschen Pop im
Gotteslob ließe die Gemeinde ebenso wenig in Tiefschlaf versinken wie
entsprechende Artikulation, erklärte der Referent. "Warum nicht mal mit
Off-Beats im Bass nachschlagen?", schlug Weil vor. "Da kommt keiner mehr
auf die Idee noch atmen zu wollen", meinte der Kursleiter zum forcierten
Kirchenlied. Selbst der zur Unkenntlichkeit gedehnte Gottesdiensthit
"Großer Gott wir loben dich", "ist eigentlich ein Menuett", machte Andreas
Weil klar. Wenn er es spielte, konnte man das auch hören. Aus dem ganzen
Dekanat waren Interessierte zu dem Vormittag angereist, um sich
kirchenmusikalisch fortbilden zu lassen.

Im Franziskanerkloster führte Volker Linz in die Gregorianik ein. "Welche
Note ist die betonte?", wollte er von den Kursteilnehmern wissen. Dann
sprach er von Noten, die sich quasi verflüssigen, Worten, die man sich auf
der Zunge zergehen lassen solle und lateinischen Sätzen, die
durchzujonglieren seien. Dabei wurde klar: Gregorianik ist etwas
Sinnliches. Und das nicht erst, seit Gruppen wie Enigma oder Gregorian die
Gregorianik als Chill-out-Musik entdeckten. Nach dem gemeinsamen Singen
freuten sich die Kursteilnehmer noch am gemeinsamen Malen. Gemalt wurden
"Neumen". Diese Zeichen geben an, wie die Töne gesungen werden sollen.
Dabei spracht der kreisrunde "Punctum" eine genau so deutliche Sprache wie
der "Torculus" in S-Form. Torkelnde Noten im Kirchenlied waren im
Mittelalter Gang und Gäbe. Punctum.
CHRISTINA KIRSCH